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http://siepmann.ms/blog/ignoranz-erzeugt-wut
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Sun, 20 Sep 2009 00:00:00 +0000 Ein natürlicher Nachteil der Demokratie ist, dass sie denen die Hände bindet, die es ernst mit ihr meinen.
Václav Havel
 

In diesen Zeiten, in denen die Tage dahinfliegen und der Zeitverlust die Einsicht in eigentlich klare Verhältnisse trübt, nehme ich den Weg unter die Räder und fahre ins schöne Vorarlberg. Der Weg könnte kürzer sein, aber die Vorfreude lässt die Verstimmung der Woche mit zunehmender Entfernung zu Stress und Hektik abklingen. Entlang der Strecke, auf der in ferner Zukunft vielleicht einmal der ICE mit artgerechter Geschwindigkeit nach Ulm fährt, kreuzen ein paar Baustellen meinen Weg, kleine Baustellen, jedenfalls im Vergleich zu jenen, die anderen Ortes geplant sind. Der Motor summt, während die Straßen leerer werden, und nach zwei Stunden erscheinen die Berge des Bregenzer Waldes zu meiner Linken und das Massiv des Säntis zu meiner Rechten. Irgendwo haben sie einen Berg zugunsten der Rheintal-Autobahn großzügig in zwei Teile gesprengt, denn auch in Österreich beherrscht man die Kunst, sich die Natur untertan zu machen und dem Fortschritt in Gestalt höchst effizienter Mobilität den Weg zu bereiten.

Gleichwohl ist der beherrschende Eindruck meiner Reise, je näher ich ihrem Ende komme: Verlangsamung. Diese ist nicht per se ein erstrebenswertes Gut, sie erscheint jedoch als die natürliche Anpassung an die Möglichkeiten. Ich verlasse die Autobahn, bewege mich weiter auf engen und kurvigen Straßen, und mit zunehmender Höhe der mich umgebenden Berge werden die Wege schmaler und die Kurven enger. Nach gut drei Stunden und hinter dem letzten offiziellen Verkehrsschild mit dem Hinweis, dass Fahrten ohne Berechtigung bis zu 700 € Bußgeld kosten können (eine typisch österreichische Einschätzung der Lage, man weiß um die Anstrengung, der Natur ein wenig Zivilisation abzuringen oder zumindest den Bürgern ein wenig Respekt vor der Obrigkeit beizubringen), schlängelt sich der Weg am Hang hinauf. Asphalt geht über in von blechernen Regenrinnen durchzogenen Schotter.

Straße

Es ist das Ende des Sommers, und aus diesem Grund treffe ich den Hirten, der mit seinen 170 Rindern die baumlose Region verlassen hat, ausnahmsweise an seinem kleinen Haus unterhalb der Baumgrenze auf einen Stock gestützt. Lange ist er hier oben, nicht nur in diesem Jahr, und natürlich weiß er wie immer Positives von seinen Viechern zu berichten, etwa dass sie schlauer sind als der Mensch und ein besseres Gespür für die Zukunft haben, zumindest was das Wetter und den nächsten Schnee betrifft. Mir kommt die irrwitzige Idee in den Sinn, dass es Rindviecher gibt, die gar kein Gespür für die Zukunft oder gar für die Folgen ihrer Entscheidungen haben, jedoch merke ich sofort, dass es so einfach nicht ist und dass diese plumpe Analogie wahrscheinlich auf den Genuss von vier Schnapsgläsern selbstgebrannten Enzians zurückzuführen ist. Der Lage und Stimmung angemessen verabschieden wir uns herzlich.

Hirtenhütte

Das Tal liegt tief unter mir, ich parke wenige Minuten später am Rand des Weges, um das letzte Stück meiner Reise nicht mehr unter die Räder, sondern unter die Füße zu nehmen. Der Weg wird schmaler, durchzogen von Wurzeln und bestückt mit Steinen, anfangs noch mit dem geländetauglichen Motorrad zu befahren, später nur noch zu Fuß zu bewältigen. Die letzten Meter sind steil, und der Beginn meiner Reise ist so lange her, dass er schon fast nicht mehr wahr ist.

Sie wollen eine Straße bauen, die örtliche Verwaltung, der Bürgermeister und das Land Vorarlberg. Die Straße soll an meiner Hütte vorbei führen, nachdem sie zuvor die noch etwas abgelegenere Hütte meines Nachbarn mit dem Fortschritt beglückt und ihren Wert um mindestens 200 Prozent gesteigert hat. Sie soll sich den Berg hinauf winden, um bei meinen Nachbarn 150 Höhenmetern über mir zu enden, und sie soll natürlich den Anschluss an das Verkehrsnetz bringen, kurz: die Mobilität, die es den Zugereisten erlaubt, der Erzeugerin der ökologisch korrekten, nämlich biologisch einwandfreien Milch mit dem Geländewagen direkt vor den Euter zu fahren. Das Land Vorarlberg berechnet noch, mit welcher Summe es sich an diesem Vorhaben beteiligen will, aber da gibt es noch den alten Mann.

Über 80 Jahre alt ist er, immer noch ein Wanderer auf den Bergen seiner Heimat, von denen er jeden Quadratmeter kennt. Das Land, auf dem die Hütte steht, die er uns seit nunmehr 7 Jahren freundlicherweise vermietet, findet sich nun ausgerechnet in den Planungsunterlagen für die neue Straße, und damit ist er gleichermaßen automatisch und widerwillig einbezogen in die Diskussionen zur Entscheidungsfindung. Er ist Teil des demokratischen Prozesses, und dieser Prozess stinkt, er ist durchzogen von unterschiedlichen Interessen, Halbwahrheiten, Verdächtigungen und Gutachten hinter verschlossenen Türen. Der alte Mann ist wütend.

Berge

Die neue Straße soll ein Wegbereiter des Fortschritts sein, sie soll den Teil des Berges, der zur Zeit nur zu Fuß erwandert werden kann, näher an das Tal und die Menschen bringen. Jede Menge sachliche und unsachliche Gründe werden vorgetragen, und selbst die sachlichen Gründe sind ebenso inhaltsleer und interessengesteuert zugleich wie jene Behauptung, die europäische Ost-West-Transversale, wegen der in Stuttgart gerade große Gräben aufgerissen werden, würde Paris näher an Bratislava heranbringen. Inhaltsleer darum, weil es keine wirtschaftlichen, kulturellen oder sonstigen Gründe gibt, diese Straße zu bauen, denn seit Generationen wird das mühsam dem Berg abgerungene Kulturland durch den Einsatz von zwei Dutzend Schafen mit leichter Hand erhalten, und die allermeisten Bewohner der Maisäß sind mit dem Status Quo zufrieden. Interessengesteuert darum, weil einige Anwohner sich von der Erschließung unter Beteiligung des Landes Vorarlberg eine Vervielfachung des Wertes ihrer Hütten und Häuser erhoffen.

Man hat lange gerechnet, bis die Kosten des Fortschritts bekannt schienen, und im Unterschied zu einem komplexen Projekt wie „Stuttgart 21“ beruhen die Kosten auf Erfahrung, schließlich ist das nicht die erste Straße, die sie hier den Berg hinauf bauen. Gleichwohl enthält die Planung ein paar Unwägbarkeiten, man weiß z.B. nicht genau, ob man die Straße um einen Bergrücken herum führen kann oder ob man sie durch den Fels sprengen muss. Die damit verbundene Planungsunsicherheit wird durch ein paar sich widersprechende Gutachten und Gegengutachten nicht gerade reduziert. Nicht erst seit Beginn der Planungen für die Straße sind ein paar Geologen im Gelände herumgekrabbelt, um sich ein Bild vom Berg zu verschaffen. Denn vor mehr als zehn Jahren rutschte ein Stück des Berges einfach ein paar Hundert Meter tiefer und hinterließ eine Narbe von 200 Metern Breite und einem halben Kilometer Höhe, und bei jedem Marsch zu unserer Hütte überquere ich diesen Hang mit einem Auge auf dem Weg und mit dem anderen hinauf zum Berg. Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 40.000 Tonnen Geröll, Bäume und Erde folgen könnten. Während die Natur sich langsam die Abbruchstelle zurück erobert (es gibt Gräser, wilde Brombeeren, Birken und Lupinen), verschwindet der Weg nach jedem starken Regen teilweise unter Schlamm und Steinen.

Der alte Mann kann unzählige Geschichten von der Anstrengung erzählen, die das Anlegen und Erhalten von Kulturland am Berg mit sich bringt. Die wichtigsten Geschichten handeln von der Versorgung mit Wasser, z.B. für die 170 Rinder des Hirten oder die Kühe auf der Alpe, aus deren Milch sie hier einen ganz hervorragenden Käse machen, der übrigens am besten mit einem Gläschen selbstgebrannten Enzians genossen wird.

Käse

Sie haben darum im Lauf der Jahrzehnte kilometerlange Wasserleitungen ungefähr 70 Zentimeter tief in der Erde vergraben, um sich die wenigen Quellen in großer Höhe nutzbar zu machen. Ein paar der herbeigerufenen Geologen warnten davor, dass bei einer Sprengung am Berg das empfindliche System der Wasseradern und Quellen gestört werden könnte, doch dieses Argument konterten die Befürworter der Straße erwartungskonform mit einem Gegengutachten.

Wenn auch die Kosten des Fortschritts einigermaßen bekannt scheinen, der Preis des Fortschritts ist höchst ungewiss. In dieser Situation, in der sich die verschiedenen Lager in ihrem jeweiligen Schützengraben gemütlich eingerichtet haben, zieht der alte Mann die Trumpfkarte, er verweigert nämlich den Zugriff auf sein Land, und der demokratische Prozess der Planung für die Straße, die über eben dieses Land führen muss, gerät ins Stocken. Dass er sich damit einige Feinde macht, ist nur konsequent. Diese Konsequenz jedoch ist Ausdruck seines Misstrauens gegen jene, die vorgeben, sie könnten die zukünftige Entwicklung mit allen Chancen und Risiken widerspruchsfrei darlegen. Seine Weigerung ist ein Stein im Getriebe des demokratischen Prozesses – eines Prozesses, der immer ein Stück weiter fortgeschritten ist, als es die Erkenntnislage erlaubt.

Das ist anderen Ortes im Kern nicht anders. In Stuttgart z.B. bestehen die Befürworter auf einem abgeschlossenen, 15 Jahre währenden demokratischen Prozess, während die Gegner diesem Prozess gravierende Mängel in Bezug auf Transparenz, Interessenlagen, Wirtschaftlichkeit, Vergabebedingungen und soziale Verträglichkeit attestieren. Doch während der alte Mann den Prozess mit seiner Weigerung ins Stocken bringt, beginnen unter umgekehrten Machtverhältnissen in Stuttgart die Abrissbagger am Nordflügel und die Kettensägen im Schlosspark an 200 Jahre alten Platanen ihr unumkehrbares Werk – den Umfragen im Land und den bundesweiten Stellungnahmen zum Trotz. Der Respekt vor dem Bürger scheint durch die bewusste Provokation ersetzt, denn der Beginn der Umbauarbeiten wird ausgerechnet mit den sichtbarsten Zeichen der Veränderung initiiert. Ignoranz erzeugt Wut.

Sonnenuntergang

Dem alten Mann ist klar, dass demokratische Entscheidungen dem Einzelnen eine Zustimmung abverlangen können, die er unter anderen Umständen nicht geben würde. Dass demokratische Entscheidungen, deren Grundlagen stinken wie in der Sonne trocknende Schafscheiße, unumkehrbar sein sollen, damit mag er sich nicht abfinden. Er will kein Zaungast der Demokratie sein.

Am Abend stehe ich vor meiner Hütte und genieße den Blick ins Tal. Dort unten sitzt der alte Mann vor seinem Haus und putzt Pfifferlinge, die er von seiner Wanderung mitgebracht hat. Und während es kühler wird, leuchten im Osten die Gipfel rot in den letzten Sonnenstrahlen des Tages.

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